Phantasia

„Du darfst mich nicht lieben!“. Das Mädchen löste sich aus der Umarmung. Ihre Mine war finster.

„Ich habe in meinem Leben schon viele Dinge gesehen und ich weiß was du bist.“

„Nein!“, sie schüttelte heftig den Kopf, „du verstehst nicht, das hier ist nicht meine wahre Gestalt. Ich bin verdammt, ein Wanderer zwischen den Welten, ein Dämon, ich trachte den Lebenden nach ihren Seelen um mich daran zu laben.“

„Das weiß ich längst. Ich habe mich nach dir gesehnt. Ich liebe dich.“

„Versteh mich doch,“ flehte das Mädchen, „ich kann dich nicht lieben und du kannst mich nicht lieben. Wer mich liebt wird großes Leid erfahren. Ich kann keine Liebe bringen. Ich bringe immer nur den Tod.“

 

aus: Totentag, in: Liebe zwischen den Welten, ohneohren Verlag, Wien 2014

 

 

„Die ganze Zeit war ich einsam. Immer war es dunkel und kalt um mich herum. Ich wollte weinen, aber ich konnte nicht. Immer habe ich meine Schwester gesucht, aber ich konnte sie nicht finden. Man hatte mich allein gelassen. Als ich das bemerkt hatte, bekam ich Angst. Wenn alles um dich finster ist, wenn der Wechsel der Jahreszeiten keine Rolle mehr für dich spielt, wenn du nur wartest und hoffst, eines Tages gefunden zu werden, du wünschst dir, du wärst tot....“

 

aus: Lilien, in: Liebe zwischen den Welten, ohneohren Verlag, Wien 2014

 

Während ich grübelte, fielen dicke Flocken vom Himmel, der erste Schnee des Jahres, er kam ungewöhnlich früh. Vor der Kneipe stehend schaute ich zu, wie die Welt allmählich unter einem weißen Schleier begraben wurde.

Mit steif gefrorenen Fingern fummelte ich an meinem Türschloss. Es war erst gegen zwei, viel früher als sonst. Aus dem Schlafzimmer drang leises Schnarchen. Ich ging in die Küche und setzte Tee auf, dann hockte ich am Küchentisch, mitten in der Nacht, allein und starrte auf die blaue Tasse mit den weißen Pünktchen. Ich war schläfrig und wäre am liebsten ins Bett gekrochen, aber ich hatte schon so lange nicht mehr neben meiner Frau geschlafen, dass ich nicht wusste, wie ich mich neben sie legen sollte. In Gedanken malte ich mir die unterschiedlichsten Szenarien aus, mal erwachte sie, mal schlief sie einfach weiter, mal war sie wütend, mal ignorierte sie mich. Einmal erwachte sie, lächelte und nahm mich im Halbschlaf in den Arm. Ich saß in der Küche bis es halb vier war und rührte im Tee.

 

aus: Der merkwürdige Oktober des letzten Jahres, in: Der Glaube an Übersinnliches, net-Verlag, Tangerhütte 2015

Wir lauschen dem Klang der Stille...

 

 

aus: Liebesbrief an einen lange Verstorbenen, in: Frankfurter Bibliothek – Jahrbuch für das neue Gedicht 2015, Brentano-Gesellschaft, Frankfurt 2014

Schwarze Schwingen spreiz ich aus

Doch nicht einmal ein leiser Hauch

Das Herz in meiner Brust nicht schlägt

 

 

aus: Rabenklage, in: Frankfurter Bibliothek – Jahrbuch für das neue Gedicht 2016, Brentano-Gesellschaft, Frankfurt 2015

Varieté obskur:

Zirkus bizarr

Maskenhaft gar

 

 

aus: Pfingstsonntag, in: Poesiealbum neu - O Freude. Leipzig im Gedicht, Nr. 1/2015, Edition kunst&dichtung, Leipzig 2015

Überall wimmelte es geradezu von Heimwerkerkönigen, dazu berufen, Gottes unvollkommene Erde zu verbessern wo es bloß ging. Da man allerdings nicht ohne soziale Konsequenzen dort anfangen konnte, wo man es am nötigsten empfand – an den in die Jahre gekommenen Brüsten der Ehefrau oder dem nächtlich schnarchenden Nasenorgan des Lebensgefährten – vollführte der zivilisierte Städter quasi Substitutionshandlungen, werkelte in der Garage, hämmerte unermüdlich auf rostigen Nägeln und verschönerte zum hundertsten Mal das Eigenheim.

Nie hätte ich gedacht, dass all dies in einem Baumarkt lauert – tiefste Einblicke in die Abgründe der menschlichen Existenz.

 

aus: Dietmar Wischmeyer kauft mit mir einen Schlagbohrer, in: Hammer, Säge, Pinsel & Co. - Geschichten von Heimwerkern, Hrsg. Marten Petersen

 

 

Dieses Projekt unterstützt den Förderverein des "Wohnheim für Menschen mit Behinderungen HORIZONTE" in Husum

„Jetzt oder nie!“, dachte Alfred Jedermann. Er macht einen Schritt nach vorne, die bunten Wimpel flatterten am Zelt. Dann machte er einen Schritt zur Seite. Vielleicht noch nicht, zuerst sollte er etwas essen. Er drehte eine Runde auf dem Rummelplatz, blieb an jedem Stand stehen und besah sich die Köstlichkeiten. Letztlich drehte er noch eine Runde, entschied sich dann für die Wurstbude, bei der er jedes Jahr eine Bratwurst aß. Danach versuchte er sein Glück beim Dosenwerfen und an der Losbude und gewann einen rosa Plüschhasen, den er sogleich an ein kleines Mädchen verschenkte. Er schlenderte vorbei an Fahrgeschäften und Marktschreiern, bis er schließlich wieder vor dem Zelt stand, blau und geheimnisvoll. Es zog ihn geradezu magisch an. Lange stand er davor, tippte mit der Fußspitze, kratze sich am Kopf, rückte den Hut zurecht. Dann atmete er tief, los! Er schob die Stoffplane beiseite, die den Eingang verschloss und trat ein. Drinnen war es dunkel, nur ein paar Kerzen brannten auf einem Tischchen, hinter dem eine Frau saß. Ihr großen Ohrringe glitzerten.

 

aus: Das sibyllinische Zelt, in: Schau in die Zukunft, net-Verlag, Tangerhütte 2015

 

 

 

Auf einmal blieb sie stehen und lauschte. Wind und Wellen trugen ein Geräusch an ihr Ohr, das sie noch nie zuvor vernommen hatte. Es klang wie eine fremde Melodie, wunderschön und gleichzeitig so traurig, dass Andrea das Herz schwer wurde und sie eilte in die Richtung, aus der das Geräusch kam, kletterte über Felsen und rutsche eine Düne hinab, bis sie in einer abgeschiedenen Bucht etwas entdeckte. Umspült von der Brandung schimmerte der weiße Leib eines Delfins im Sand.

 

aus: Die Träne der Rhode, in: Steinmaler aus Poseidons Reich, Paashaas Verlag, Hattingen 2015

 

 

Ana fuhr herum, dieses Mal hatte sie es laut und deutlich gehört. Sie rieb sich die Augen, kniff sich in die Wange – vor ihr tauchte ein Mann aus dem Wasser auf, in seinem langen weißen Haar klebte Seetang und dort, wo die Beine sein sollten, hatte er einen Fischschwanz.

„Du siehst aber lustig aus! Bist du hier für die Touristen?“, grinste das Kind.

 

aus: Tanz mit den Wellen,in: Steinmaler aus Poseidons Reich, Paashaas Verlag, Hattingen 2015

 

Wir haben uns nichts mehr zu geben

denn die Zeit reißt tiefe Wunden

im Mondlicht mischten wir das Blut.

 

 

 

aus: Wir haben uns nichts mehr zu sagen, in: Bibliothek deutschsprachiger Gedichte - Ausgewählte Werke 2015, Realis-Verlag, Gräfelfing/München 2015

 

Das Gebäude wirkte verlassen, weder brannte Licht noch war es verschlossen. Drinnen roch es nach Staub und Moder, es war notdürftig eingerichtet und diente den Jägern wohl als Unterschlupf, wenn sie das Wetter überraschte. Ein Glück dass Kurz es gefunden hatte. Er entzündete eine Kerze und ließ sich auf das Bett fallen. Die Taschenuhr zeigte kurz nach elf. Dann fiel er in einen traumlosen Schlaf.

 

 

aus: Kurz - oder unheimliches im Moor, in: Clue Writing Anthologie und Podcast

 

Voraussichtliche Veröffentlichung: Frühling 2016

Ankündigungen:

Leuchtturm und Träume

Glasperlenräume

komm und folge mir:

Weltunter! Weltunter!

 

 

 

aus: Ein Traum, in: Sternenblick 2 - Zwischen den Wolken, Books on Demand, Berlin 2015

Symbolbild

Derzeit sind keine Ankündigungen vorhanden.

Veröffentlichungen